Wie war das doch gleich mit den stillen Wassern? Unmöglich, alle Tiefen zu erkunden, herauszufinden, wo die Zuflüsse sind, welche Bewegungen sich in den lichtfernen Regionen am Boden abspielen. Auf den ersten Blick scheinen alle Wogen geglättet, bewegt sich jegliches im Gleichgewicht; still ruht der See. Doch tief im Innern brodelt, wirbelt, kämpft es. Diese Art Unergründlichkeit findet sich bei Franziska Kunath gewiss nicht beim flüchtigen Hinsehen. Weder in der Persönlichkeit noch in den Bildern. Alles wirkt offen, erkennbar, vielleicht sogar unkompliziert. Wer sich aber auf sie und ihre Arbeiten wirklich einlässt, schlägt eine Art Buch auf, beginnt mit Neugier zu lesen, zu schauen. Ob es ebenso gelingt, zu begreifen, zu wissen? Das fällt schwer, auch ihr.

Eigentlich, und damit ist Franziska Kunath ja nicht allein auf dieser Welt, sucht sie nach Harmonien. In der Kunst wie im Zusammenleben, in der Musik, der Natur, einfach im Dasein, im Menschsein. Doch die Verhältnisse, sie sind nach wie vor nicht so, und ihre Suche ist voller Reibungen und Spannungen; manches davon kämpft sie schmerzvoll mit sich selbst aus. Es ist nicht ihre Art, etwas festzuschreiben, festzunageln; den Istzustand nimmt sie wahr in seiner Veränderlichkeit, als Moment einer Phase. Sie ist interessiert an fortwährenden Wandlungen, an Prozessen, am Entstehen und Vergehen. Da liegt es nahe, dass es sie immer wieder zu den Flussläufen zieht, sie die >>Kraft des Wassers genießt und das sanfte Fließen, in dem Bewegung und Ruhe sich vereinen<<.

In vielen Bildern - es sind Landschaften auf sehr eigenwillige Weise - spürt man, dass Franziska Kunath willkürliche, konstante Gefährdungen der Natur als persönliche Angriffe erlebt. Die Gefahr, der Verlust, die Verletzung sind ihr nach. Als sie sich Anfang der neunziger Jahre in Heidenau mit dem Abriss des alten Zellstoffwerkes künstlerisch auseinandersetzt, erlebt sie >>das Gift, die fürchterliche Bedrohung der Umwelt auf allen Sinnesebenen<<. später übermalt sie einige der vor ort entstandenen bilder, und aus vergänglicher industrielandschaft wachsen spannungsreich strukturierte farbkompositionen mit einer symbolik, die sich kaum entschlüsseln lässt, doch zur eigenen und zur biografie des werkes gehören.

Franziska Kunath zählt zu jenen Malerinnen, denen man die Bilder wegnehmen muss, damit sich ein Entstehungsprozess vollendet, die Abnabelung vollzogen ist. Keine der Arbeiten, die in ihrem Atelier, dem oberen Lichtteil eines verbauten Ballhausgebäudes in Dresden-Strehlen, an den verfallenen Wänden stehen, ist vor ihrem erneuten Zugriff sicher. Sie ist eine Zweifelnde, Suchende, die ihre Schöpfungen mal schnell, mal langsam, aber stetig vorantreibt, mit bemerkenswerter, mehr verborgener Kraft und Energie.

Zunächst schafft sie auf der Fläche ihre Art von Chaos, sucht Zuordnungen, Gewichte, verschiebt, versenkt, entdeckt. Dass ihre Werke, und das trifft ganz besonders für ihre grafischen Blätter zu, trotz langwieriger Arbeitsphasen immer etwas Spielerisches, Gewachsenes, zuweilen auch Spontanes behalten, ist kostbar. Überall entdeckt man Zeichen der Fruchtbarkeit, spürt, wie sich ihr Geborenwerden über ein Leben lang hinzieht. Stillstand scheint bei Franziska Kunath unmöglich. Es verschmelzen die inneren und äußeren Bilder, werden erweckt in unterschiedlichen Materialen, beginnen mit ihr da zu sein.

Mit Porträts habe sie sich längere Zeit nicht mehr befasst, sagt sie, doch beim Stöbern finden sich dennoch Arbeiten dieser Art, deren Geburt nicht allzu lang zurück liegt. Da beginnt es wieder, dieses Lesen, dieses Sichvertiefen in Augen-Blicke. Wenn es ihr gelingt, und wem gelingt schon immer alles, dann ist man von den Gesichtern, den Charakteren rätselhaft berührt, fühlt sich in die Tiefe gelockt, will erkennen. Es ist, als ob Franziska Kunath in die Seelen anderer taucht, um sich zu finden.

Von Gabriele Gorgas