Kahl sind schon die Wälder
Kahl sind schon die Wälder, braun die weiten Felder, Herbst steht in der Tür. Scharfe Winde treiben Flugsand gegen Scheiben, und keiner kann was dafür …
Die allfällige Kritik an der postsozialistischen Landwirtschaft darf hier im Oberland wenigstens zu Anfang natürlich nicht fehlen.
Als ich begann, mir über den heutigen Abend Gedanken zu machen und die dafür passenden Worte zu suchen, hingen weithin noch späte Blätter in den Ästen. Auch das ist möglicherweise eine Folge gesellschaftlicher Verfehlungen. Es waren nicht mehr sehr viele Blätter, aber sie waren bunt, und es wäre auch für sie längst Zeit gewesen loszulassen. Sie aber ließen es sich nicht nehmen, die grafische Strenge des schwarzen Holzes mit ein wenig Fröhlichkeit abzumildern: November 2022.
Viel zu später Sommerregen hatte nicht nur den Bäumen Mut gemacht, mit uns allen auf einen gnädigen Winter zu setzen und am Gewohnten festzuhalten. Es soll Kastanien gegeben haben, die sich von der ungewöhnlichen Milde so weit hatten verunsichern lassen, dass sie noch einmal Blüten trieben.
Ich aber fragte mich, woran wohl Franziskas Winterausstellung zuerst zu erkennen ist.
Sofort hatte ich das Bild des Kuhstalls hier im Erdgeschoss vor Augen, mit seinen gusseisernen Säulen, den falschen Gewölben und dem Ziegelboden.
Er birgt die Erinnerung an eine Zeit, da die Tiere noch im Hause wohnen durften, wo sie vielleicht nicht unbedingt artgerecht, aber nach menschlichem Maßstab anständig untergebracht waren. Im Geiste hörte ich das mehr oder weniger zufriedene Mahlen und Stampfen.
So ein Stall gehört ja heute gemeinhin zu den Zweckbauten. Das ist inzwischen meist gleichbedeutend mit lustlos-minderwertiger Architektur. Dabei wird vergessen, dass letztlich auch Kirchen reine Zweckbauten sind. Doch nicht einmal ein eingefleischter Atheist würde es wagen, dem lieben Gott ein Bauwerk anzubieten, das einer Garage Typ Dresden gleicht.
Mit Supermarktkunden und Möbelhausbesuchern wird da schon anders umgegangen. Es entsteht durchaus manchmal der Eindruck, der Kunde, der doch König sein sollte, wird als Rindvieh betrachtet. Ich sehe das als eine schöne Gelegenheit, mich mit den Vierbeinern zu solidarisieren. Als sie noch hier wohnten, haben sie von sich aus den Raum geheizt und den darüber Lebenden die Füße gewärmt.
Heute bullert in der Ecke der kleine Holzofen. Auch er gehört zum Flair der Winterausstellung, die inzwischen ebenso zur Tradition geworden ist wie die Pleinairs, zu denen Franziska alljährlich im Frühjahr einlädt.
Womit mir eine unauffällig-zufällige Überleitung zur Gastgeberin und Verursacherin des heutigen Abends gelungen wäre.
Um solcher Abende willen nämlich hat Franziska vor Jahren das Gut erworben. Mit vielen Mühen und mit Hilfe vieler Freunde ist es ihr zum Lebensmittelpunkt geworden.
Hier steht sie, stelle ich mir vor, im März filzstiefelbewehrt am Fenster und sieht, wie der alte Winter in seiner Schwäche ohnmächtige Schauer körnigen Eises in Streifen über die grünende Flur rasen lässt, ohne den Aufbruch frischen Lebens verhindern zu können. Hier wischt sie sich sommers den von der Stirne heiß rinnenden Schweiß und treibt ihre Schafe ins Regental. Dort regnet’s zwar auch nicht, aber das Gras bleibt länger grün, und der Bach atmet Frische. Hier mostet sie im Herbst fallende Äpfel, und hier fängt sie – solange es noch welche gibt – die ersten Schneeflocken unter der Weide, während drinnen schon wieder das Feuer im Ofen einen Anflug von Wärme verbreitet. Das klingt romantischer, als es tatsächlich am Ende ist. Schon die Filzstiefel und der dicke Mantel zeigen an, dass der Winter durchgestanden werden will, wie die heißer werdenden Sommer ausgehalten werden wollen.
Doch all das findet sich in ihren Landschaften wieder, ihren im letzten Büchsenlicht hingeworfenen Aquarellskizzen ebenso wie den Malereien. Ihre Bilder sind im besten Wortsinn erlebt.
Ich weiß, Franziska würde gern viel mehr malen.
Sie hat – vermutlich nicht erst, aber besonders hier draußen – gelernt, ihre Zeit zu teilen. Sie teilt sie mit ihren Häusern, ihren Äpfeln, ihren Schafen und mit – uns allen.
Um aber die Zeit mit uns allen teilen zu können, muss sie immer wieder ins Dickicht der Ämter tauchen, Anträge stellen, Abrechnungen schreiben und was dergleichen Unerfreulichkeiten mehr sind. Immerhin, sie hat einen Zugang dazu gefunden. Sie weiß, wie, wann, vielleicht sogar warum und vor allem wo Fördermittel fließen. Sie hat eine Vorstellung davon, wie Kultur an den Leuchttürmen vorbei aufs Land geraten kann, und sie weiß, sie umzusetzen. Ich bin dankbar, diese – wie es so schön heißt – Aktivitäten seit einigen Jahren begleiten zu können. Dabei konnte ich erleben, wie der Kreis der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler stetig gewachsen ist. Diesmal sind es dreißig an der Zahl, so viele wie noch nie – ich bin mir nicht einmal sicher, ob jemals so viele Kühe hier im Stall gestanden haben.
Miteinander verbunden sind sie alle über Franziska und natürlich über die Kunst.
Und also sehen wir hier Arbeiten ihrer einstigen Hochschullehrer vereint mit solchen ehemaliger Kommilitoninnen und natürlich der wachsenden Zahl an Freundinnen und Freunden.
Namentlich sind zu nennen: Maja Nagel, Hans-Jürgen Reichelt, Sylvia Fenk, Gerrit Höfig, Wolfgang Rüger, Anna Gorsleben, Kai Kluge, Susanne Haase, Ursula Kral, Rainer Thiel, Michele Cyranka, Michael Kral, Elisabeth Richter, Heino Hellwig, Heike Wadewitz, Franziska Kunath, Torsten Ueschner, Mirjam Moritz, Carsten Gille, Cornelia Konheiser, Robert Finke, Heidrun Rueda, Ralf Kerbach, Anita Rempe, Julius Claußnitzer, Katja Lewek, Anke Kutzschbauch, Anne Frühauf, Gabi Keil und Max Uhlig.
Franziska sieht in den Ausstellungen, wie in der Kunst überhaupt, nicht zuletzt ein Medium zum Austausch. Hier kommen Kolleginnen ins Gespräch mit Kollegen, hier entstehen und wachsen Freundschaften, die letztlich auch ihre Spuren an Haus und Hof hinterlassen.
Es begeistert mich immer wieder, welche Mittel und Wege Franziska gefunden hat, diesen Austausch auch unter den erschwerten Bedingungen der letzten beiden Jahre nicht abreißen zu lassen. Daraus sehe ich die Hoffnung wachsen, dass mit Franziska die Kultur auf dem Lande verankert bleiben wird, auch wenn Herbststürme und Frühlingswinde weiterhin alles verwehen werden, was an unseren Böden fruchtbar und wertvoll ist …
Thomas Gerlach, November 2022