Zum Inhalt springen
Franziska Kunath Künstlerhof Kunath

Presse & Medien

… dass ich eins und doppelt bin

Text · Thomas Gerlach · Laudatio zur Pleinair-Ausstellung 2023 im Künstlerhof Kunath · 13. Mai 2023

Ginkgo biloba: Die Bäumin ist eine lebendige Botschafterin aus dem Steinkohlenwald. Tief im Osten, in Japan und China, hat sie in mehr als 260 Millionen Jahren Stürme, Dürren, Überschwemmungen und Eiszeiten überlebt und sogar die Krone menschlicher Überheblichkeit und Dummheit, den Abwurf der Atombombe über Hiroshima, bestanden: Eine Ginkgo biloba war die erste, die wieder grünte nach dem Inferno. Menschen können eben doch nicht alles zerstören, so gründlich sie auch zuschlagen zu müssen glauben …

Goethe hatte die Spannung, die er mit diesem Baum verband, einzig aus der Form des Blattes abgeleitet, der Zweiheit, die aus einem Ganzen kommt und am Ende doch ein Ganzes bleibt. Wer weiß, was er noch alles gesehen hätte, hätte er den Baum als das Fossil erkannt, das es ist, und hätte er gewusst, dass die Blätter aufgefächerte Nadeln sind …

Doch schon die an Herzen erinnernde Art der Zweiteilung dieser Blätter genügte dem Dichter als Symbol für sein Verhältnis zu seiner letzten großen Liebe, Marianne von Willemer:

… fühlst du nicht in meinen Liedern, dass ich eins und doppelt bin?

Aber warum erzähle ich das eigentlich?

Das nunmehr schon neunte Pleinair hier auf Franziskas Künstlerhof Kunath in Röhrsdorf führte die beteiligten Künstlerinnen und Künstler nicht nur durch allerlei Unbilden der Witterung (so mancher oder manche hätte sich gewünscht, sich verdoppeln und gleichzeitig draußen malen und drinnen am warmen Ofen sitzen zu können), es ermöglichte auch wundervoll offene Blicke in eine im Erwachen begriffene, im besten Sinne jungfräuliche Landschaft. Noch war das neue Leben in feinem Grün mehr zu ahnen als zu sehen. Es belebte den Blick, ohne ihn noch zu hindern, und das aufsteigende Licht sorgte für zusätzliche Stimmung. Querner hätte es vielleicht prachtvolles gelbes Wolkenwetter genannt, diese Wollust des Werdens, die gefühlt und nicht nur er-, sondern ge-lebt werden wollte. Es ist schließlich keine Sonntagsmalerei, die hier entsteht, auch wenn es tatsächlich immer mal Sonntagswetter gab, zwischendurch.

Die ganze Mühe also mündete schließlich wieder in zwei Ausstellungen, mit Arbeiten von jeweils zehn Künstlerinnen oder Künstlern.

Die Ausstellungen sind beide zunächst hier in diesem schönen Raum vereint, also ihrerseits eins und doppelt, zu erleben. Von hier aus werden sie, schön vereinzelt, auf Wanderschaft gehen – die erste, wenn ich das richtig sehe, schon Mitte Juni nach Tharandt.

Wir sehen also hier und heute einerseits neben Arbeiten von Franziska Kunath selbst Werke von Anne Frühauf, Anna Gorsleben, Susanne Haase – sie hat zur Feier des Tages ihr Saxophon nicht nur mitgebracht, sie spielt auch für uns (vielen Dank dafür!) –, Anita Rempe, Robert Finke, Henry Puchert und Hans Wutzler.

Die zweite Ausstellung wird getragen durch die Arbeiten von Christa Donner, Sylvia Fenk, Nadja Göschel, Conny Konheiser, Maja Nagel, Gerrit Höfig, Kai Kluge, Martin Reichel, Hans-Jürgen Reichelt und natürlich abermals Franziska.

Da Franziska als Veranstalterin, um im Bilde zu bleiben, eins und doppelt ist, gelingt es diesmal wieder, mit insgesamt neunzehn Teilnehmenden zwei Ausstellungen mit jeweils zehn Künstlerinnen oder Künstlern zu kreieren.

Wir erkennen daraus zuerst, dass mit Mathematik allein die menschliche Welt nicht zu erklären ist. Dies wird in unserem Zusammenhang noch an einer zweiten Stelle deutlich:

Es geht ja, wie eingangs erwähnt, ums neunte Pleinair. Nun gehört die Zahl Neun als Potenz der Drei zu den Zahlen überhaupt: Die Drei gilt als Zahl der Vollendung, führt sie doch die Eins und die zwiespältige Zwei wieder zu einem Ganzen zusammen.

Und obwohl sich Vollendung gar nicht weiter steigern lässt, kann die Zahl Drei beliebig oft potenziert werden.

Wir können es abermals drehen, wie wir wollen: Nicht alles, was mathematisch möglich ist, ergibt eine sinnvolle Realität. Leben und Algorithmen sind eben doch nicht so leicht zu vereinen, wie uns das die künstliche Intelligenz einreden will. Weder ein Informatiker noch ein Mathematiker kann eins und doppelt sein.

Dazu braucht’s – wie zum menschlichen Leben überhaupt – die Künstler.

Es ist – auch und gerade nach der durch die Pandemie verursachten Durststrecke – immer wieder eindringlichst darauf hinzuweisen, von welch elementarer Bedeutung die Kunst für die Entstehung menschlichen Lebens ist. Und wenn wir das ernst nehmen, wird – abermals eins und doppelt – die Liebe zur Kunst zur Menschenliebe. Nicht umsonst hat doch der Dichter die Ginkgo biloba zum Symbol einer eigenen späten Liebe erhoben.

In diesem Sinne ist Franziskas Künstlerhof auch ein Liebesnest.

Freilich braucht es, wie wir uns unschwer vorstellen können, eine gehörige Portion Durchhaltevermögen (um nicht zu sagen Sturheit), hier in der Landeinsamkeit ein solches Liebesnest zu schaffen und zu erhalten. Es ist, der grundlegenden Bedeutung der Kunst zum Trotz, überall im Lande schwer für Künstlerinnen und Künstler, von der Kunst und für die Kunst nicht nur zu überleben, sondern im besten Sinne zu leben, und an diesem Leben, wie Franziska es tut, auch immer wieder andere teilhaben zu lassen.

Ich stelle mir vor, dass es da manchmal einfach nicht ausreicht, nur eins und doppelt zu sein …

Thomas Gerlach, Mai 2023

← Presse & Medien